AKTIVE THERAPIE

T-RENA: Langfristige Trainingstherapie für ein aktives Leben

Die trainingstherapeutische Rehabilitationsnachsorge (T-RENA) ist ein ambulantes Training an medizinischen Geräten zum gezielten Muskelaufbau. Das Angebot wird den Patienten von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) gemacht. Wie die Erfahrungen in der Praxis sind, verraten Euch Physiotherapeuten in unserem Gespräch. Für Physiotherapeuten und Patienten bringt T-RENA gleichermaßen Vorteile. Die Spezialisten haben neben der Bank ein langfristiges trainingstherapeutisches Instrument mit dem sie sich intensiv in der Nachsorge um ihre Schützlinge kümmern können. Patienten wiederum erhöhen durch das Gerätetraining ihr Selbstbewusstsein und werden über T-TRENA an die persönliche Vorsorge herangeführt. Damit steht T-RENA, das von der Rentenversicherung getragen wird, in einer Reihe mit vergleichbaren Angeboten wie IRENA oder Psy-RENA. Die trainingstherapeutische Rehabilitationsnachsorge kombiniert gerätegestütztes mit freiem Training. Anders als bei der Krankengymnastik am Gerät (KKG) umfasst die Verordnung deutlich mehr Einheiten: Während es für KKG bei drei Personen sechs Einheiten gibt, sind es bei T-RENA 26 Einheiten bei einer Gruppengröße von zwölf Personen. Pro Woche sind in der Regel zwei Trainingseinheiten zu je 60 Minuten vorgesehen. Welche Vorteile T-RENA sonst noch bietet und wie die Erfahrungen in der Praxis sind, hat E+S Geschäftsführer Peter Eichstaedt mit Physiotherapeuten diskutiert. Die Kernaussagen haben wir hier zusammengefasst.
  • Ein Video vom Zoom-Meeting mit Erklärungen zu Abrechnung, Ablauf in der Praxis und Formularen findet ihr bei Youtube im geschützten Bereich. Den Link dazu einfach über info@gesund-es.de anfordern.
Welche Rahmenbedingungen müssen für T-RENA erfüllt werden?
Kolja Herrmann von Herrmann & Harm: • „Man benötigt sechs Sequenzgeräte, die untere und obere Extremitäten sowie den Rumpf abdecken. Zusätzlich brauche ich ein Cardio-Gerät und einen Seilzug-Turm. Alle Geräte benötigen eine MPG-Zulassung. Kleingeräte wie Matten, Hanteln und Therabänder sollten von den Teilnehmern für die Therapie genutzt werden können. Auch die Raumgröße verändert sich bei zwölf Teilnehmern auf mindestens 60 Quadratmeter.“ • „Der Haupttherapeut muss eine Ausbildung als Krankengymnast bzw. Physiotherapeut mit Nachweis der Teilnahme am MTT-Grundkurs (mindestens 50 UE) haben. Er ist bei der DRV namentlich erfasst und Ansprechpartner für die Rehabilitanten.“ • „Der zweite Physiotherapeut braucht eine Bescheinigung über die Teilnahme an einem 40 Unterrichtseinheiten umfassenden KG-Gerät-Kurs.“ • „Die Nachsorge muss innerhalb von 4, spätestens 6 Wochen nach Beendigung der Rehabilitationsmaßnahme begonnen werden.“ • „Es werden in der Regel 26 Termine à 60 Minuten an mindestens 2 Tagen der Woche in der Gruppe vereinbart. Die Beantragung von 26 weiteren Terminen ist genauso möglich wie Einzeltermine. „Die aktuelle Vergütung von Einzelterminen liegt bei 15 Euro pro 20 Minuten, in der Zwölfer-Gruppe bei acht Euro pro Person. Der einzelne Einweisungstermin wird mit 47 Euro vergütet.“
Wieviel Zeit muss ich für die Zulassung im Rahmen von T-RENA aufwenden?
Jan Lindow vom TheraLind Körperuniversum: • „Die Anmeldung über die DRV geht schnell. Man bekommt einen Fragebogen, der sich direkt und einfach am Computer ausfüllen lässt. Zum Fragebogen füge ich die Dokumente zur Kassenzulassung hinzu, dazu zählt auch die KGG-Zulassung. Nach einer Woche hatte ich die Zulassung in der Tasche. Der gesamte Aufwand ist zeitlich sehr überschaubar. Um die Praxis plastisch zu beschreiben, habe ich noch Bilder der Räume und Geräte an die DRV verschickt.“
Wie sieht die Umsetzung von T-RENA in der Praxis aus?
Nisha Jung von Physiotherapie Jung: • „Erst die Nachfrage von Patienten nach T-RENA hatte bei uns den Stein ins Rollen gebracht. Wir haben im September 2021 damit angefangen – und es läuft hervorragend. Die Patienten bekommen wir direkt von den Rehakliniken zugewiesen. Nach der Besprechung mit ihnen werden bei uns dank des digitalen Therapiehelfers YOLii zunächst die Trainingspläne erstellt, dann geht es schon los. Ich war tatsächlich überrascht, wie leicht die Umsetzung funktioniert. In kürzester Zeit hatten wir 50 Rehabilitanden im Programm von T-RENA. Besonders YOLii hat sich während dieser Zeit durch die einfache Handhabung ausgezeichnet.“ • „Für unser Team ist T-RENA in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn: Zum einen haben wir hoch motivierte Patienten, die schnell gesund werden möchten. Diese Patienten führen die Übungen später häufig als Selbstzahler fort. Es gibt einen automatischen Patientenzulauf ohne Werbung. Alle Patienten lassen sich jederzeit in laufende Trainings-Programme integrieren. Die Abrechnung dauert maximal fünf Minuten pro Patient.“
Wie erfolgt die digitale Umsetzung mit YOLii?
Sümeyra Simsek von E+S Gesunde Lösungen GmbH: • „Das Assistenzsystem YOLii digitalisiert jede Art der aktiven Therapie wie KG, KG- Gruppe, KGG, MTT, T-RENA, Rehasport sowie Präventionskurse nach §20. Unser Assistenzsystem kann neben Gewichtsplatten- und Cardiogeräten auch jede funktionelle Übung in die Therapieplanung einbinden.“ • „Die wesentlichsten Vorteile sind: Für die Planung der Therapie stehen durch das Praxisteam gestaltete Übungs-, Planungs- und TP-Vorlagen bereit. Die Steuerung der Trainingseinheiten ist einfach: Ich erstelle einen individuellen Plan für einen Musterpatienten in unter zwei Minuten. Und ich habe eine automatische Dokumentation aller Übungen für die Leistungsträger.“

Nachbehandlungskonzept nach Knie- und Hüftendprothesen-Implantation

Therapie und Praxis vom VDB, veröffentlicht Heft 4/2020

Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung des erwachsenen Menschen weltweit und betrifft vorwiegend Menschen höheren Alters (1,2). In den letzten Jahren zeigte sich in Deutschland ein Anstieg der Arthroseprävalenz sowie ein Anstieg der Hüft- und Knieendprothesen-Implantationen. Laut der Fallpauschalen bezogenen Krankenhausstatistik (DRG-Statistik) wurden im Jahr 2007 noch 204.018 Endoprothesen-Erstimplantationen am Hüftgelenk und 146.562 am Kniegelenk durchgeführt, im Jahr 2018 waren es 239.204 bzw. 190.427 (3,4). Aufgrund des größer werdenden Patientenaufkommens in der Hüft- und Knieendoprothetik und eines Mangels an physiotherapeutischen Fachkräften ist eine individuelle Nachbehandlung zunehmend schwieriger umsetzbar (5). In der aktuellen Literatur werden unterschiedliche Konzepte beschrieben, die Lösungsansätze für dieses Problem aufzeigen. Han et al. (2015) zeigten, dass in der frühen Rehabilitationsphase nach Knieendoprothesen-Implantation ein in der Häuslichkeit durchgeführtes Trainingsprogramm ebenso effektiv ist, wie die Betreuung durch einen Physiotherapeuten in den Praxisräumen (6). Andere Studien beschäftigen sich mit der Effektivität technischer Lösungen für eine Rehabilitation in der Häuslichkeit. Wijnen et al. (2020) zeigten aktuell eine bessere Funktionalität nach Hüftendoprothesen-Implantation in den ersten sechs postoperativen Monaten durch eine 12-wöchige Therapie in der Häuslichkeit mittels Tablet-App und gelegentlicher Telefonbetreuung durch den Physiotherapeuten im Vergleich zu normaler ambulanter Rehabilitation (7). Des Weiteren konnten Lenguerrand et al. (2020) bestätigen, dass Gruppentherapie ergänzend zur Standardtherapie nach Knieendoprothesen-Implantation einen positiven Einfluss auf das funktionelle postoperative Outcome hat (8). Ziel war es, eine digital unterstützte Gruppentherapie für Patienten nach einer Knie- und Hüftendoprothesen-Implantation zu entwickeln, die durch angepasste Trainingsprogramme für jeden Patienten eine langfristige, individuelle Nachbehandlung mit Verbesserung des funktionellen Outcomes sicherstellen soll. Im Rahmen des ZIM-Projekts MOREBA – Mobile Erfassung des Rehabilitationsverlaufes und der körperlichen Aktivität nach operativen Eingriffen am Bewegungsapparat – wurde ein entsprechendes Therapiekonzept in Zusammenarbeit mit der E+S Gesunde Lösungen GmbH, vital & physio GmbH, der Universität Rostock sowie der Universitätsmedizin Rostock erarbeitet. Das Therapiekonzept basiert auf einer digital unterstützten Gruppentherapie, bei der die Patienten unter Aufsicht eines Physiotherapeuten Übungen mit Hilfe einer Softwarelösung an einem Monitor durchführen. Dabei wird das videobasierte Versorgungstool YOLii (E+S Gesunde Lösungen GmbH, https://yolii.de/) verwendet. Während der Therapieeinheit werden Patienten digitalisierte Übungen sowie Anweisungen zur Geschwindigkeit und Durchführung der Übungen auf einem Monitor angezeigt. Durch unterschiedliche Therapiestationen können mehrere Patienten gleichzeitig in einer Gruppe Übungen durchführen (Abb. 1 Gruppentherapie mit YOLii System).
Durch ein personalisiertes Anmelden im YOLii System wird gewährleistet, dass die Übungen an den aktuellen Trainingszustand des Patienten angepasst sind. Somit kann eine individualisierte Behandlung im Rahmen einer Gruppentherapie realisiert werden. Basierend auf den ICD-10-Codes (Internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen) wird dem Physiotherapeuten eine Vorauswahl an Übungen vorgeschlagen, welche anschließend individuell angepasst werden können. Für die Übungsprogramme der Hüft- und Knieendoprothesen-Patienten werden im YOLii System 6 Aufwärmübungen, 24 Hauptübungen und 4 Dehnübungen ausgewählt, die sich an den Empfehlungen des Vancouver General Hospital and Richmond Hospital orientieren (9-12). Hieraus wurden 17 Therapieprogramme mit steigendem Schwierigkeitsgrad entwickelt. Die Dauer eines Therapieprogramms beträgt jeweils 3 Woche, sodass sich hieraus eine Therapiedauer von insgesamt 51 Wochen ergibt. Die Hauptübungen bestehen aus 16 Basisübungen und acht Steigerungsübungen, die sich auf 4 verschiedene Therapieblöcke (Widerstandsband, Rumpf/Boden, Stepper und Ballkissen) verteilen. Jede Therapiesitzung umfasst zwei Aufwärmübungen, vier Hauptübungen sowie zwei Dehnübungen. Während der ambulanten Therapie führen die Patienten zweimal pro Woche ihre individuell angepasste Trainingsroutine durch. Die Therapiesitzung dauert ca. 30 Minuten mit einer aktiven Trainingszeit von 20 Minuten. Die Einstufung der Patienten in verschiedene Leistungsgruppen erfolgt mittels der Borg-Skala (13), sowohl zu Beginn der ambulanten Behandlung als auch bei jeder dritten Sitzung während des postoperativen Therapieprozesses. Die Borg-Skala ist ein Tool zur subjektiven Einschätzung des Anstrengungsempfindens bzw. des Erschöpfungsgrades (Ratio of Perceived Exertion, Abb. 2, Borg-Skala (13)), mittels dessen die Patienten am Ende der jeweiligen Therapieeinheit ihre Erschöpfung bewerten. Dieses Vorgehen ermöglicht eine individuelle Anpassung der Wiederholungszahl und eine Adaptierung des Trainingsplans je nach individuellem Fortschritt der Patienten. Das MOREBA-Therapiekonzept wird aktuell in einer Pilotstudie evaluiert. Dabei werden Hüft- und Knieendoprothesen-Patienten 12 Monate postoperativ mit dem neuen MOREBA-Therapiekonzept versorgt und präoperativ sowie drei, sechs, neun und zwölf Monate postoperativ untersucht. Die erhobenen Daten werden mit denen einer Kontrollgruppe (postoperative Standardversorgung nach Hüft- und Knieendoprothesen-Implantation) verglichen. Es werden u.a. Daten zur Gelenkfunktion, der Gangfunktion, der körperlichen Aktivität des täglichen Lebens und zur Lebensqualität erhoben. Durch die Möglichkeit, mehrere Patienten zeitgleich durch einen Therapeuten individuell zu behandeln, stellt das MOREBA-Konzept eine effiziente Alternative zur aktuellen postoperativen Standardversorgung in Deutschland dar. Die Patienten erhalten, im Vergleich zur Standardtherapie (drei bis vier Wochen stationäre oder ambulante Anschlussheilbehandlung, ggf. gefolgt von einer ambulanten Physiotherapiebehandlung auf Rezeptbasis), über das erste postoperative Jahr hinweg eine durchgehende physiotherapeutische Behandlung. Die Therapie mittels MOREBA kann dank der digital unterstützten Nachbehandlung individualisiert umgesetzt werden, indem diese entsprechend der individuellen Belange und des Leistungsniveaus des Patienten geplant und im Therapieverlauf angepasst wird. Judith Osterloh1, Franziska Knaack1, Juliana Peschers2, Lisa Nawrath2, Rene Portwich2, Peter Eichstaedt3, Prof. Dr. med. habil. Dipl.-Ing. Rainer Bader1, Dr. med. Martin Darowski1 1 Forschungslabor für Biomechanik und Implantattechnologie, Orthopädische Klinik und Poliklinik, Universitätsmedizin Rostock, 2 vital & physio GmbH, Rostock, 3 E+S Gesunde Lösungen GmbH, Hamburg
Wir danken René Portwich, Vorstand VDB, für die Erlaubnis der Veröffentlichung. Kontakt: vital & physio GmbH rene.portwich@vital-physio.info Tel. 0179/787 12 67   ERGÄNZUNG: Aufgrund der Pandemie wurde die Laufzeit des ZIM-Projekt MOREBA bis Ende 2021 verlängert.

WER IMMER SITZT, IST FRÜHER TOT.

Langes Sitzen erhöht das Sterberisiko, trotzdem bewegen sich die meisten zu wenig. Die Folgen: Es drohen laut aktueller Studien Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und bestimmte Krebsarten. Eigentlich ist ja schon lange klar: Wer rastet, der rostet. Viele kleinere Studien beweisen die positiven Eigenschaften von Bewegungen. Trotzdem sitzen Deutsche im Mittel sechseinhalb Stunden am Tag, junge Erwachsene sogar neun Stunden. Zu diesem Ergebnis kam die Studie „Beweg dich, Deutschland“ von der Techniker Krankenkasse. Nun gibt es eine weitere, viel größere Untersuchung – auch sie bestätigt die krasse Auswirkung von zu wenig Bewegung. Die Kernbotschaft: Wer mehr als neun Stunden am Schreibtisch sitzt, erhöht sein Sterberisiko. Das ist das Ergebnis einer Studie der Norwegischen Sporthochschule in Oslo, die in der britischen Fachzeitschrift the bmj veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler werteten Daten aus acht Studien mit über 36.000 Teilnehmern im Durchschnittsalter von rund 62 Jahren aus. Schon ein wenig Bewegung minimiert das Risiko Selbst eine geringfügige körperliche Aktivität am Tag senke das Sterberisiko schon erheblich, haben die norwegischen Forscher herausgefunden. Dazu zählt etwa täglich 30 Minuten Spazierengehen. Zu viel Sport hingegen bringt auch nichts, wie die Wissenschaftler betonen. Ab einer gewissen Grenze der täglichen körperlichen Bewegung wurde das Sterberisiko nicht weiter gesenkt. Sitzen erhöht das Krebsrisiko Durch Inaktivität erhöht sich das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Wissenschaftler der Queen’s University in Belfast und der Ulster University kommen in ihrer Studie zu ähnlichen Ergebnissen. So sei das lange Sitzen ursächlich für neun Prozent der Dickdarmkrebs-Fälle, acht Prozent aller Gebärmutterkrebs-Erkrankungen, 7,5 Prozent der Lungenkrebs-Fälle, 17 Prozent aller Typ-2-Diabetes-Erkrankungen sowie fünf Prozent aller Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Der Mensch wird sesshaft Ein Wandel zu mehr Aktivität ist bislang nicht in Sicht. Mehr als ein Viertel der erwachsenen Weltbevölkerung, rund 1,4 Milliarden Menschen, bewegen sich laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zu wenig. Selbst in Schwellenländern drohen dank größerem Wohlstand mittlerweile Leiden, die der Westen längst kennt. Wer hätte gedacht, dass sich Menschen in Kuwait (67 Prozent), Saudi-Arabien (53 Prozent), dem Irak (52 Prozent) und Amerikanisch-Samoa (53 Prozent) am wenigsten bewegen? In Deutschland geben die Zahlen ebenfalls Anlass zur Sorge. Mehrere Erhebungen zwischen 2002 und 2016 zeigten, dass sich 42 Prozent der Erwachsenen zu wenig bewegen. Darunter 40 Prozent der
Männer und 44 Prozent der Frauen. Zum Vergleich: In Finnland liegt der Anteil der Erwachsenen, die sich zu wenig bewegen, lediglich bei schlanken 17 Prozent. In Schweden bei 23 Prozent. Und mit den Jugendlichen sieht es global gesehen noch schlimmer aus. Vier von fünf Heranwachsenden bewegen sich zu wenig. Bewusstsein für Bewegung schaffen Physiotherapeuten können bei ihren Patienten ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig regelmäßige Bewegung ist. Und natürlich dazu beitragen, dass Patienten ihren eigenen Körper sensibilisieren. Etwa durch aktive Therapie, Sport-Apps und mit motivierender Begleitung. Psychologin Vivien Suchert rät in ihrem Buch „Sitzen ist fürn Arsch“ ausdrücklich dazu, sich soziale Unterstützung zu holen. Denn zu zweit lässt sich der innere Schweinehund leichter besiegen. Nur wenn die Patienten letztlich verstehen, warum sie welche Übung machen, können sie ihre Gesundheit nachhaltig verbessern.

WIR BRINGEN MENSCHEN MIT BEWEGUNG AUS DER THERAPIE

Volles Haus bei der zehnten Fachtagung von E+S Gesunde Lösungen in Hamburg. Im Fokus des Vortrags über Patientenversorgung 2020 von Geschäftsführer Peter Eichstaedt stand die aktive Therapie, der flexible Wechsel von Einzel- auf Gruppentherapie und die Digitalisierung. Trotz der riesigen und wichtigen Klimademo „Fridays for Future“, die den Hamburger Verkehr lahmlegte, erschienen alle Teilnehmer unseres Seminars pünktlich. Neben unterschiedlichen Themen zur Branchenpolitik wie das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) oder die Umsetzung Besonderer Verordnungsbedarfe (BVB) stand die aktive Therapie im Mittelpunkt des ganztägigen Austausches. Dafür hat sich auch Referent Stefan Sievers, Landesvorsitzender des Verbands Physikalische Therapie Hamburg / Schleswig Holstein, Zeit genommen. Eine Frage steht im Mittelpunkt der Dozenten und Besucher: Wie geht man mit den Auswirkungen des Fachkräftemangels und dem stetig steigenden Patientenaufkommen um? Und wie lässt sich gleichzeitig die Qualität der Therapie sichern? „Einiges ist schon auf den Weg gebracht. Das TSVG wurde verabschiedet und Bundeshöchstpreise eingeführt, die Heilmittelrichtlinie wird überarbeitet, das Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation ist auf dem Weg. Auch über evidenzbasierte leitlinienkonforme Therapie wird gesprochen“, sagt Peter Eichstaedt von E+S. „Wirklich wichtig ist aber, wie wir Patienten schnell, effektiv und effizient behandeln können. Ein möglicher Weg hierbei bietet die kommende Flexibilität beim Wechsel von Einzel- auf Gruppentherapie.“ Weniger helfende Hände, mehr aktive Therapie In dem Punkt sind sich die Teilnehmer der Fachtagung einig. Das Fachpersonal reicht nicht aus, um alle Patienten in der Einzeltherapie zu versorgen. So bleiben Patienten auf der Strecke. „Immerhin können laut unserer E+S-Umfrage unter Therapeuten etwa 42 Prozent der Patienten nach 5-6 Einzelbehandlungen in die Gruppentherapie überführt werden“, erklärt Eichstaedt. Wer seine Patienten mittels Krankengymnastik zu Aktivität bewegt, erlebt neben bleibenden Therapie-Erfolgen auch die Stärkung der Motivation durch eigenständiges Üben. Letztlich bedeutet es, dass sich der Therapie-Erfolg langfristig zu einer Maßnahme der Gesundheitsprävention entwickelt. Immer mehr Heilmittelerbringer sehen in der aktiven Therapie deshalb ihre Zukunftschance. Von Einzel- zur Gruppentherapie Um den Menschen zu helfen und die Versorgung sicherzustellen ist es also unumgänglich, von einer 1:1 in eine 1:X Betreuung zu gelangen. Nun haben viele Physiotherapeuten die Befürchtungen, dass sich durch eine Gruppen-Betreuung ihr Arbeitsaufwand erhöht. Denn bei einer aktiven Therapie bekommt Evidenz, Terminplanung, Therapiesteuerung und Dokumentation eine größere Gewichtung. Doch da können die Kollegen auf digitale Unterstützung zählen. „Eine unerlässliche Basis, damit man in einer Gruppe überhaupt individuell arbeiten kann. Therapeuten benötigen ein digitales Assistenzsystem für eine gute Führung durch die Therapie, wenn ein Therapeut für fünf Patienten gleichzeitig zuständig ist. In diesen Fällen hilft Technik ungemein“, weiß Peter Eichstaedt. Jeder Physiotherapeut kann über die Verschiebung von Einzel- in Gruppentherapie mit Inkrafttreten der neuen Heilmittelrichtlinie – voraussichtlich im Oktober 2020 - selbstständig entscheiden. Die Zeit bis dahin lässt sich sinnvoll nutzen, um die Praxis digital umzurüsten, notwendige Strukturen und Prozesse zu erarbeiten und die Patienten so auf die aktive Therapie vorzubereiten. Sinnvolle Technik, mehr Zeit für Patienten Moderne digitale Assistenzsysteme wie YOLii entlasten die Physiotherapeuten bei ihrer Tätigkeit in der aktiven Therapie. Das herstellerunabhängige Therapiesystem, das freie Übungen und Geräte digitalisiert und dokumentiert ist eine clevere Antwort auf die zunehmende Digitalisierung und den Fachkräftemangel. Der Physiotherapeut stellt individuelle Übungen zusammen, die im YOLii System gespeichert und während der Therapie auf den Bildschirmen gezeigt werden. Dabei greift er bei Bedarf korrigierend in der Gruppe ein. Somit erweitert sich das Angebot bei der Therapie, entlastet Therapeuten und schafft neue Termin-Kapazitäten für Patienten. „Ganz wesentlich ist ein Umdenken: Ich muss als Physiotherapeut bereit sein, den Patienten für die aktive Therapie fit zu machen. Bewegung in der Gruppe mit individuellem Therapieplan ist ein Gewinn für Patienten und Therapeuten. Für die Zukunft müssen wir heute die Weichen stellen“, so Peter Eichstaedt. Diese Meinung teilen auch die Besucher der Fachtagung. Während einige bereits digitale Assistenzsysteme nutzen, sehen alle die Notwendigkeit des digitalen Wandels. Knut Hofmayer aus Ostfriesland fasst die Erkenntnisse stellvertretend für die Physiotherapeuten zusammen. „Viele wollen die Praxisfläche vergrößern. Einerseits um den Patienten besser zu therapieren, andererseits um wirtschaftlicher zu arbeiten. Das geht letztlich nur in der Kombination von aktiver Therapie mit digitaler Unterstützung.“ Weitere Fachtagungen Physiotherapie 5.0 - Patientenversorgung 2020 finden am 26.10 und 29.11. 2019 statt. Anmeldeformulare für beide Termine finden Sie hier.

MEHR SPAß IN DER GRUPPE

Gemeinsam ist man stärker. Eine Weisheit, die vielleicht noch nicht jeder verinnerlicht hat. Spätestens dann, wenn man sich alleine bewegt, verliert man irgendwann im Laufe der  Zeit langsam den Spaß. Wie motiviert man sich also richtig, um langfristig aktiv zu bleiben? Als eines der wirksamsten Mittel führen Psychologen den Köhler-Effekt an, der in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde: Er besagt, dass erst das Bewegen in der Gruppe die Motivation so richtig steigert. Schwächere Mitglieder würden sich deutlich mehr anstrengen, als wenn sie alleine trainieren würden. Doch nicht nur das: Laut einer Studie der University of New England verhilft Gruppensport zu einer besseren Lebensqualität. Die Forscher vermuten, dass dafür das soziale Miteinander ausschlaggebend ist und zu einem verbesserten Wohlbefinden beiträgt. Mehr Zeit für Therapeuten Die aktive Therapie, die Herzkreislaufsystem, Bewegungsapparat und Nervensystem gleichermaßen anspricht, baut genau auf diese Erkenntnisse auf. Zusammen macht es eben mehr Spaß, wichtige Funktionen unseres Körpers zu fördern und zu unterstützen. In der Gruppe gelingt so spielend eine Verbesserung der Körperfunktionen und eine allgemeine Steigerung der Ausdauerleistung. Der Patient fühlt sich deutlich motivierter als in der Einzeltherapie. Für den Physiotherapeuten liegen die Vorteile einer Gruppenbetreuung bei der aktiven Therapie ebenfalls auf der Hand: sie bringt den Patienten in Bewegung, erhält die Gesundheit der Therapeutenhände und kompensiert durch Gruppentraining den Rückgang der Therapeuten am Markt. Intensive Betreuung für jeden Ein weiterer medizinischer Aspekt steht ebenfalls im Fokus: Der Physiotherapeut kann seinen Patienten mehr Aufmerksamkeit schenken – durch die längere Zeit mit vielen Teilnehmern auf der Fläche steht er in einem intensiven Kontakt. Deshalb kann sich der der Therapeut bei der aktiven Therapie in der Gruppe sehr gezielt um jede Person kümmern. Hilfestellung, Korrekturen bei falscher Haltung oder fachliche Gespräche – bei drei bis fünf Patienten bleibt dafür immer genügend Zeit. Ein zufriedener Therapeut strahlt zusätzlich mehr Ruhe und Gelassenheit aus – das überträgt sich auch auf die Gruppe. Die Teilnehmer werden zunehmend aktiv gefordert und die Bewegung tritt in den Vordergrund.

AKTIVE THERAPIE – EIN ALTES HEILMITTEL NEU ENTDECKT

Schon vor über 200 Jahren war der schwedische Gymnastiklehrer Per Henrik Ling einer der ersten, der aktive Bewegung als Heilmittel nutzte. Sein Kollege und Physiotherapeut Gustaf Zander entwickelte spätere Apparate zur krankengymnastischen Behandlung, sodass Patienten nicht mehr ausschließlich von Heilgymnasten abhängig waren. Sie brachten den Menschen bei: wer sich eigenständig bewegt, kann Schmerz lindern oder im besten Fall sogar eliminieren. Die zwei darf man deshalb als Pioniere der aktiven Therapie betrachten. Natürlich bleibt die passive Behandlung wie beispielsweise die manuelle Therapie ebenfalls ein wichtiger Pfeiler, um Menschen fit zu machen und in Bewegung zu bringen. Doch wer seine Patienten zum aktiven Training mittels Krankengymnastik, ob nun als KG oder gerätegestützt als KGG oder MTT bewegt, erlebt in der Regel nicht nur schnellere Therapie-Erfolge. Auch die Motivation der Patienten wird durch eigenständige Übungen gestärkt. Wer in der Gruppe funktionelle Übungen lernt und unter Anwendung von Seilzug- und Sequenztrainingsgeräten seinen Körper trainiert, hat mehr Spaß, Interaktion und überlegt oftmals auch, sich in seiner Freizeit mehr zu bewegen. Das heißt der Therapie-Erfolg wird langfristig zu einer Maßnahme der Gesundheitsprävention. Ein weiteres Plus: Der Physiotherapeut schont zusätzlich seine Hände. Somit bietet die aktive Therapie gleich mehrere Vorteile: sie bringt den Patienten in Bewegung, erhält die Gesundheit der Therapeutenhände und kompensiert durch Gruppentraining den Rückgang der Therapeuten am Markt. Viele Praxen sehen in der aktiven Therapie deshalb ihre Zukunftschance. Denn es gibt es immer weniger Fachkräfte bei wachsender Bevölkerung, die älter wird und dadurch mehr Therapie benötigt. In dieser angespannten Situation ist die aktive Therapie eine nutzbringende und vorteilhafte Lösung für Praxis und Patient. So funktioniert aktive Therapie Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen: Bewegung beugt nicht nur Erkrankungen vor, sie ist auch ein wertvolles Mittel bei gesundheitlichen Problemen und in der Nachsorge. Das Ziel ist es, durch regelmäßiges, moderates Training einzelne Körperfunktionen gezielt zu verbessern und ein gesundes Körpergefühl wiederzuentdecken. Grundsätzlich ergänzt aktive Therapie die therapeutische Behandlung des Physiotherapeuten. Bei dieser Therapieform mit Einheiten von etwa 15-60 Minuten erhält der Patient einen individuellen Trainingsplan, der seine Beweglichkeit fördert, Muskulatur aufbaut und stärkt. Alle Übungen können an medizinischen Therapiegeräten, im funktionellen Training oder mit Kleingeräten durchgeführt werden. Per Heimtrainingsplan lassen sich funktionelle Übungen auch in den eigenen vier Wänden durchführen. Studienergebnisse stützen die aktive Therapie Viele wissenschaftliche Untersuchungen belegen mittlerweile, dass die aktive Therapie sehr erfolgreich bei der Behandlung von akuten als auch chronischen Schmerzen ist. Bei sportlicher Betätigung produziert der Körper schmerzlindernde Stoffe wie Interleukine. Interleukin-6 etwa stimuliert die Bildung neuer Abwehrzellen und wirkt entzündungs-hemmend. Viele Patienten, die an der aktiven Therapie teilnehmen und auch im Anschluss aktiv bleiben, konnten nachhaltig ihre Gesundheit verbessern. Aber nicht nur das: sie steigerten auch ihre Muskelkraft und konnten dauerhaft ihre Schmerzen lindern. So kommen die Forscher der Bochumer Hochschule für Gesundheit in ihrer Studie von 2018 zum Schluss, dass eine intensive Bewegungstherapie die Bewegungsfähigkeit bei Menschen mit Morbus Parkinson verbessert. Dabei ist das Lee Silverman Voice Treatment – BIG (LSVT) anderen Konzepten nicht überlegen. Spezifische bewegungstherapeutische Therapien scheinen ähnliche Effekte wie das LSVT-BIG-Programm zu haben. Eine britische Studie von 2019 wiederum hat untersucht, ob bei chronischem Rückenschmerz Übungen im Therapieraum oder Wasser sinnvoller sind. Dabei wurde vor allem auf die Aktivität der Rumpfmuskulatur geachtet. Das Ergebnis: Die Übungen im Therapieraum waren meistens anstrengender, die Muskelaktivierung in vielen Fällen größer und die Herzfrequenz höher. Ein klares Indiz für die besondere Wirkungskraft der aktiven Therapie.